Seite auswählen

Als die Kripo mich am 4. September 2017 von der Arbeit abholte, hatte ich einen krassen Widerstand, dachte “Was soll das, ich will arbeiten!” Ich dachte sie wollten mich als Zeugin oder ein Freund sei durchgedreht. Aber was sie mir dann in der Wohnung meines Mannes verkündeten, eine Woche, nachdem ich ausgezogen war, war krass: Er hat sich umgebracht.
Ich kann den Schock noch immer spüren. Es fühlte sich an, als würde in dem Moment, in dem ich die Nachricht erhielt, alles still stehen. Als hätte jemand einen Chaos-Knopf für mein Leben gedrückt oder einen Hammer genommen, um einmal ordentlich auf mein Leben drauf zu hauen. Ich hatte dann für viele Tage kein Zeitgefühl, mein Gedächtnis war quasi nicht mehr vorhanden, meine Arbeit liegt immer noch brach und ich kämpfe jeden Tag darum, den Alltag mit unserem 3-jährigen Sohn zu meistern. Häufig kommen Gedanken: “Scheiße, er hat sich einfach verpisst! Das ist nicht fair! Wir wollten beide das Kind und er haut einfach ab, wenn es unbequem wird!”
Wie geht man damit um, wenn man regelmäßig von Schuldgefühlen und einer enormen Angst um das eigene Kind überfallen wird?
Bis zu diesem Ereignis konnte ich immer gut “Das Geschenk” in einer Krise sehen und habe die meisten auch gut überstanden, selbst eine echt krasse Kindheit, den Tod meines Vaters und auch berufliche Rückschläge. Aber das?! Die momentan erlebte Hilflosigkeit und Ohnmacht sind beängstigend. Ich schwanke zwischen Wut und Trauer und bin maßlos frustriert, weil es nichts gibt, was ich tun kann. Er ist tot. Ein unwiederbringlicher Umstand und ich habe alle Konsequenzen am Hals. Darf alles allein wuppen und stehe vor der Herausforderung, unseren Sohn zu trösten und seine Fragen zu beantworten, auf die ich häufig selbst keine Antwort habe.