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Für meine Krise gibt es kein genaues Startdatum. Es begann schleichend. Meine Arbeit, die mir mal riesig viel Spaß gemacht hatte, ermüdete mich. Morgens wäre ich am liebsten im Bett geblieben. Ich fühlte mich nur noch fremdbestimmt. Es fehlten mir die Möglichkeiten, mehr von meiner Persönlichkeit, von meinen Talenten einzubringen und mein eigenes Feuer zu spüren, geschweige denn, Feuer zu entfachen. Ich hielt durch und lief weiter im Hamsterrad. Bis ich spürte, dass ich irgendwie krank wurde. Ich bekam eine Bronchitis. Starke Kopfschmerzen kamen dazu. Ich dachte, ich hätte zum ersten Mal in meinem Leben eine richtige Grippe. Als ich dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort war (glaubt Ihr an Schicksal, Fügung? Ich nun schon) wusste ich, was ich hatte. Ich war auf einer Veranstaltung und mein Gesicht wurde zur Hälfte taub. Es breitete sich von oben nach unten aus. In meinem rechten Arm genau andersherum. Und ich dachte, wenn es sich in der Mitte trifft, sterbe ich. Auf der Bühne sang die Band was vom Sensemann und ich dachte, er tippe mir schon auf die Schulter, verbunden mit der Bitte, doch mal eben mitzukommen. Der Notarzt vor Ort stellte die richtige Diagnose und so landete ich in der Notaufnahme der Neurologie mit Verdacht auf Schlaganfall. Im Enddeffekt hatte ich 5 Hirninfarkte. Im Anschluss war ich ein halbes Jahr krank geschrieben. Ich nutzte die Zeit, um zur Ruhe zu kommen, mich mit der Endlichkeit des Lebens auseinanderzusetzen, Dinge zu tun, die mir Spaß machten, zu überlegen, was ich wirklich wirklich wollte und für eine Reha. Dann kam die Wiedereingliederung und danach reduzierte ich meine wöchentliche Arbeitszeit.
Geblieben sind mir nicht sichtbare Folgen: Konzentrationstörung, Gedächtnisverlust und das Gefühl, Gänsehaut im Kopf zu haben, wenn ich z.B. lese, die Angst, dass es wieder kommen könnte. Ich bin nicht mehr so belastbar. Aber ich nehme auch positives mit: die Freude am Leben und die Dankbarkeit für die kleinen Dinge des Lebens.