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Lieber Veit,
Anfang des Jahres musste ich meinen 8jährigen Sohn nach fast vier Jahren schwerer Krebserkrankung (vier Hirntumore, Hirninfarkt, infolge Schwerbehinderung und vieles mehr) beerdigen. Das Liebste wurde mir genommen. Meine Mama erkrankte zeigleich schwer an Krebs und bei mir kam der Verdacht auf einen Tumor auf. Zum Glück hat sich Letzeres nicht bestätigt, aber der Körper ist nach vielen Jahren Vollzeitptflege einfach k.o. Warum ich aber schreibe – beim Lesen Deines Buches und dem Hören der Vorträge kommen Tränen der Erleichterung. Ich wollte unbedingt “spirituell” mit allem umgehen, das Leben und Sterben meines Kindes als “Aufrag” begreifen und meine Umgebung erwartete auch genau das von mir – nun ein Buch zu schreiben, einen Verein für behinderte Kinder zu gründen, andere betroffene Eltern zu begleiten, stark zu sein, wieder in den Beruf zu kommen etc. Dieser Berg wurde riesig groß und damit verbunden die Angst, meinen Lebensplan zu vermasseln. Das Leiden meines Sohnes sollte doch schnell in etwas Gutes umgewandelt werden. Nun kann ich sagen: Ich bin unendlich traurig. Ich bin müde und erschöpft. Ich habe Schuldgefühle und vieIe Fragen nach dem Warum. Ich möchte gerade NICHT produktiv sein und einfach weinen dürfen. Ja, aus jeder Krise dürfen wir wachsen, aber wie Du schon sagst, geht es nicht immer linear. Neben all den wirklichen Katastrophen rauben die Nebenschauplätze, die Du nennst, so viel Kraft: Sich selbst nicht annehmen zu können, sich ständig zu verurteilen und jeden Abend mit dem Gefühl des Scheiterns ins Bett zu gehen: Wieder keinen Sport getrieben, kein Yoga gemacht, nicht die Wohnung geputzt, keinen neuen Job gesucht, sich nicht selbstoptimiert. Weil unser Selbstverständnis so von Leistung und Produktivität abhängt. Deine Arbeit schenkt mir neue Impulse. Ja zur Schwäche, Ja dazu, nicht mehr die Kontrolle zu haben. Ja dazu, erst einmal anzunehmen, was ist. Von Herzen danke.